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+++ Das VAD 2010 Team +++
Die Tagung der VAD e.V. und der 19. Afrikanistentag werden 2010 in Mainz als Parallelveranstaltungen durchgeführt.
Kontinuitäten und Brüche:
50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika
Tagung der Vereinigung für Afrikawissenschaften (VAD e.V.)
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
7. - 11. April 2010
Download Tagungsinformationen (PDF, 28 KB)
Im Jahre 2010 werden viele Länder Afrikas ein halbes Jahrhundert politischer Unabhängigkeit feiern. Seit 1960 hat sich die Situation des Kontinents nicht nur auf politischem, sondern auch auf wirtschaftlichem, gesellschaftlichen und kulturellen Gebiet tiefgreifend verändert. Mannigfache Verdichtungs-, Differenzierungs- und Transformationsprozesse haben dazu geführt, dass afrikanische Gesellschaften heute bedeutend komplexer sind als zur Zeit der Unabhängigkeit. Diese von vielfältigen Krisen begleiteten Prozesse und deren Bilanz wird die Tagung in den Mittelpunkt stellen. Von besonderem Interesse ist dabei, welche historischen Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Brüche sich aus der Rückschau ergeben, wie das historische Erbe der letzten 50 Jahre die gegenwärtige Situation prägt und welche Ausgangslage es für zukünftige Entwicklungen schafft.
- Thomas Bierschenk zum Thema der Tagung: Kontinuitäten und Brüche: 50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika
Die Tagung findet auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität statt. Tagungsgebäude ist das "Philosophicum" im Jakob-Welder-Weg 18 >> Tagungsort
Das Programm finden Sie hier.
Nur einige dieser vielfältig miteinander verzahnten Wandlungsprozesse können hier angesprochen werden. Damit ist keine abgeschlossene Liste der Entwicklungen intendiert, vielmehr sollen hier nur Anstöße dazu gegeben werden, wie sich das Thema der Tagung in Foren, Panels und Vorträge umsetzen lässt.
- Lebten um 1960 nur wenig mehr als 10 Prozent aller Afrikaner in Städten, sind es heute mehr als die Hälfte. Urbanisierung und Bevölkerungswachstum werden begleitet von vielfältigen Formen der Migration innerhalb und außerhalb des Kontinents, die zu einer starken, wenn auch selektiven globalen Präsenz von Afrikanern in vielen Bereichen führte. Demographisches Wachstum und Migration machen afrikanische Gesellschaften zu sehr jungen und dynamischen Gesellschaften.
- Parallel dazu hat sich der Schulbesuch rasant ausgeweitet, wobei Afrika allerdings erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Einschulungsraten erreichte, die asiatische Entwicklungsländer schon Mitte der 1950er Jahre aufwiesen.
- Afrikanische Landwirtschaften haben sich, vor allem im Umkreis der rapide anwachsenden Städte, stark, wenn auch ungleichmäßig, intensiviert und kommerzialisiert. Wie schon in der Kolonialzeit, versorgen sie teilweise einen globalen Markt.
- Nach 1960 gab es in vielen Ländern Ansätze einer Industrialisierung, die nach der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre oft zusammenbrachen, und zu einer zunehmenden ökonomischen Marginalisierung afrikanischer Volkswirtschaften auf globaler Ebene führten. Als Reaktion auf diese Krise kommt es seit 1990 wieder zu einem starken Engagement internationaler Entwicklungsagenturen, und zu Versuchen einer globalen Strukturpolitik, deren Ziel nicht nur ökonomische Entwicklung im engeren Sinne, sondern ein von außen gesteuerter fundamentaler Umbau afrikanischer Gesellschaften ist. Aktuell erlebt Afrika einen zweiten Ressourcenboom, und den Auftritt neuer internationaler Akteure (China, Indien, Japan). Dies verschärft zum einen die internen Konflikte afrikanischer Rentiergesellschaften, eröffnet aber auch neue Entwicklungsoptionen in Richtung einer Post-Service-Industrie.
- Auch auf politischem Gebiet hat sich die Situation afrikanischer Länder nach 1990 stark differenziert, und die Spannbreite der Situationen reicht heute von demokratischen „Musterländern“ wie Benin und Ghana zu „zusammengebrochenen“ Staaten wie Somalia. Seit den 1990er Jahren erleben viele afrikanische Länder einen (zweiten), sehr prekären Demokratisierungsprozess. Der Staat ist in afrikanischen Gesellschaften heute sehr viel präsenter als vor 50 Jahren, wenn diese Präsenz auch meist äußerst fragil und konflikthaft bleibt. Nach 1960 kam es zum rapiden Ausbau öffentlicher Verwaltungen, mit Schwerpunkt auf Gesundheits- und Bildungssystemen. Seit 1990 hat die politische Dezentralisierung in vielen Ländern zu einer weiteren Verdichtung von Staatlichkeit geführt. Durch Reformen etwa des Landrechts und des Familienrechts versucht der Staat – nicht unbedingt erfolgreich –, in vorher nicht existierender Weise in die gesellschaftlichen Verhältnisse einzugreifen. Das Ende des kalten Krieges hat seinerseits staatliche Strukturen in vielen Ländern des Kontinents destabilisiert.
- Zwischen afrikanischen Staaten entwickelten sich unterschiedliche Formen regionaler Konflikte und Zusammenarbeit, seien es Grenzkonflikte oder neue Formen wirtschaftlicher Kooperation. Südafrika hat sich von einem Paria des internationalen Systems zu einem wichtigen Akteur afrikanischer Regionalpolitik entwickelt.
- Auch die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich erheblich differenziert. So kam es z.B. zu einer Ausdifferenzierung von Familienmodellen, zwischen der Fortexistenz von polygynen Eheformen nicht nur im ländlichen Bereich bis hin zur Verbreitung der kinderarmen monogamen Familie, mit allen möglichen Zwischenformen. Einen ähnlichen Differenzierungsprozess sehen wir im Bereich der Elitenbildung.
- Nach der Unabhängigkeit wurde Religion in vielen Staaten eher in den privaten Raum verwiesen. Seit geraumer Zeit schon erlebt der Kontinent aber einen Boom der Religiosität, von dem nicht nur die universellen Religionen (Christentum und Islam) in ihren zunehmend vielfältiger werdenden Ausprägungen, sondern auch indigene Formen von Religiosität geprägt sind. Es entwickeln sich nicht nur verschiedene Formen religiöser Mischungen und neue Formen der Internationalisierung von Religion, zunehmend wird Religion auch im öffentlichen Raum präsent.
- Durch die Entwicklung der modernen Medien haben sich neue Öffentlichkeiten konstituiert und multipliziert, und – auch unter dem Einfluss anderer Faktoren wie dem Schulbesuch und unter dem Einfluss des Staates – sich postkoloniale nationale Gemeinschaften (imagined communities) herausgebildet. Die ursprünglich staatlich kontrollierten Massenmedien haben dabei in jüngerer Zeit von unabhängigen Radio- und TV-Stationen, einer blühenden Boulevardpresse sowie durch kleine, kassetten- oder disc-basierten Medien Konkurrenz bekommen, die z. T. zur Verbreitung inoffizieller Perspektiven auf den afrikanischen Alltag genutzt werden. Für die Kommunikation im Alltag, aber auch für politische Mobilisierung oder wirtschaftliches Handeln, ist das Mobiltelefon ein immens wichtiger Faktor geworden.
- Auf dem Gebiet der Kulturproduktion hat Afrika in den letzten 50 Jahren Literatur-Nobelpreisträger und international renommierte Künstler hervorgebracht. Das elitäre Kunstschaffen hat jedoch auf die gesellschaftlichen Prozesse in den eigenen Ländern nur sehr begrenzten Einfluss nehmen können. Dagegen hat sich das weite Feld der populären, meist städtischen, Kulturproduktion (Musik, Theater, Video, Comics, etc.) immer wieder als Indikator und Kommentator gesellschaftlicher Verhältnisse erwiesen. Sämtliche politischen Trends der vergangenen 50 Jahre lassen sich hier beobachten, angefangen mit den Nationalismen nach der Unabhängigkeit, der späteren Ambivalenz gegenüber machtbesessenen Diktatoren, bis hin zu den aktuellen Öffnungs- oder auch Abschottungsprozessen im Zeitalter der Globalisierung.
- Zumindest ansatzweise kam es zur Entwicklung von Nationalsprachen. Bisherige „papierene“ Nationalsprachen sind über den Gebrauch durch Jugendliche und vor allem in Städten zu national praktizierten und akzeptierten Sprachen geworden. Parallel dazu haben sich Formen von Jugend- und Stadtsprachen herausgebildet. Fast alle afrikanischen Staaten haben die Erforschung und akademische Vermittlung „ihrer“ Sprachen universitär verankert und sehen die Auseinandersetzung mit diesem „Erbe“ als wichtig und sensibel an, ohne sich jedoch mit klaren Entscheidungen für oder gegen bestimmte Sprachen kompromittieren zu wollen.
- Durch die Entwicklung afrikanischer Universitäts- und Wissenschaftssysteme hat sich die wissenschaftliche Selbstreflexionsfähigkeit afrikanischer Gesellschaften bedeutend erhöht, mit deutlichen Auswirkungen auf die Formen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kontinent; in dieser Auseinandersetzung sind afrikanische Stimmen von zunehmendem Gewicht. Auch diese Entwicklung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kontinent während des letzten halben Jahrhunderts soll auf der Tagung thematisiert werden. In diesem Zusammenhang ist von Interesse, dass 2010 die VAD annähernd. 40 Jahre alt sein wird, was ebenfalls Anlass zu einer Rückschau bieten wird.
Der 19. Afrikanistentag und die Tagung der VAD werden als Parallelveranstaltungen mit gemeinsamer Organisation in Mainz im April 2010 durchgeführt.



Mainz 2010



